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Die Macht der Gene und die Macht von Vorbild und Liebe

wasunsausmacht:

Ich werde nicht wie ihr - Teil V

Und wenn du genau hinsiehst, gibt es auch in diesem Leben genug Gründe außerhalb deiner Selbst, die dich unschuldig machen. Denn immer noch spürst du das Gewicht deiner Kindheit auf den Schultern. Besonders dann, wenn du dein eigenes Kind anschaust und spürst, wie viel Einfluss du hast. Du spürst die Angst deiner Eltern vorm sozialen Abstieg im Nacken, das tief sitzende Gefühl, nichts richtig zu machen und zu nichts wirklich zu taugen. Deine Gründe klingen nicht so dramatisch wie die Gründe der Alten, die um ihre Existenz ringen mussten, aber sie sind auch nicht schlecht. Es sind die gestiegenen Erwartungen, die angebliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Aussicht auf Altersarmut und die Horden perfekter, ausgeglichener Mütter, die das scheinbar alles mit Leichtigkeit schaffen. Es ist der Erfolgsdruck, den optimale Bedingungen erzeugen, das komplizierte Regelwerk gesunder Ernährung, aufgeklärter Erziehungsmethoden, die Auswahl an Öko- und Discounterklamotten, all die Angebote für Richtigmacher und Besserverdiener. Denn du gehörst zur Generation, die sich die Männer selbst aussuchen darf, sogar mehrmals, falls du dich geirrt haben solltest, die ihre Männer verlassen darf und soll, wenn sie zu Scheusalen mutieren. Und wenn du es nicht schaffst, dein selbst geschaffenes Unglück zu verlassen, dann hast du immer noch den Minderwertigkeitskomplex von zu Hause, der dich entschuldigt.

Du bist dir sicher, dass auch deine Eltern gute Gründe parat haben. Auch sie wollten alles richtig machen. Sie haben ihre Kinder nach bestem Wissen und Gewissen erzogen, du bist du dir sicher. Trotzdem hast du jahrelang das Gefühl gehabt, du seist nichts wert. Dein Vater wollte deinen Ehrgeiz vermutlich herausfordern, als er dir immer wieder sagte, du seist dick und faul und aus dir würde nie etwas werden. Er erzählte dir einmal, wie sein eigener Vater ihm dasselbe sagte, als er ihn in seinem Rollstuhl zum Schnapsladen schob. Nachdem sie Zigaretten und Schnaps gekauft hatten, sollte er seinem alten Herrn eine anzünden. Aber seine zittrigen Kinderhände, auf denen der erbarmungslose Blick seines Vaters ruhte, schafften es nicht, das Streichholz zu entzünden. Mehrmals setzte er an und zerbrach das Hölzchen oder ließ die Flamme gleich wieder verlöschen. Sein Vater, der ungeduldig mit der Zigarette im Mundwinkel wartete, sagte ihm schließlich, dass er genau so ein Versager werden würde, wie er selbst. Auch er würde einmal als nutzloser Knüppel enden. Der Junge, der zwanzig Jahre später mein Vater ist, sagt, dass das der Moment gewesen sei, der sein Leben veränderte. An diesem Tag beschloss er, dass sein Vater Unrecht hat und dass er niemals so werden würde wie er. 

Der Macht der Gene können wir uns nicht entziehen. Es gibt Schatten, über die wir nicht springen können. | Erziehung ist Vorbild, Beispiel und Liebe; sonst nichts.

Pa verließ uns, als ich drei war
hat nur ein bisschen Krempel dagelassen:
Eine alte Gitarre und eine leere Fuselflasche.
Nun, es war mir eigentlich egal,
dass er sich verpisst hat
Aber das Dickste was er jemals geliefert hat:
Bevor er verschwand, da taufte er mich Sue!

Kann sein, dass er gedacht hat,
dass das ein guter Witz ist
und er damit ein paar Lacher
bei seinen Pennerbrüdern herausholen kann.
Aber ich hatte damit mein ganzes Leben zu kämpfen!
Mädchen würden kichern und ich werde rot,
irgendein Kerl würde grinsen, und ich würde ihn halb tot schlagen:
Das Leben ist nicht einfach, für einen Jungen mit Namen SUE.

Ich wuchs sehr schnell auf und lernte alle Gemeinheiten,
meine Fäuste wurden hart und mein Verstand wurde scharf,
Ich reiste von Stadt zu Stadt um meine Scham zu verbergen.
Aber ich habe geschworen zum Mond und zu den Sternen,
dass ich alle Bars und Spelunken der Welt durchsuchen werde,
um diesen Kerl umzubringen, der mir diesen üblen Namen gab.

Es war Mitte Juli in Gatlinburg
Ich kam gerade ich die Stadt und meine Kehle war trocken wie Staub
und ich dachte, ich zieh mir doch irgendwo ein Bier rein.
In einem alten Saloon in einer dreckigen Straße
dort an einem Tisch, Pokerkarten in der Hand
da saß dieser alte räudige Hund, der mich SUE nannte.

Ich wusste, das diese Schlange mein Alter war,
von einem Foto,
das mir meine Mutter mitgegeben hatte.
Und ich kannte auch diese Narbe
auf seiner Wange und seine Teufelsaugen.
Er war fett und gebeugt und grau und alt,
ich sah ihn an, mein Blut wurde kalt
Und ich sagte: Ich heiße SUE ! Wie geht*s?!
Deine letzte Stunde ist da!

Ich schlug ihm die Faust genau zwischen die Augen
Er ging zu Boden, aber zu meiner Überraschung
kam er hoch mit einem Messer
und schnitt mir das halbe Ohr ab.
Ich donnerte ihm einen Stuhl quer übers Gebiss
und wir flogen durch die Wand und landeten auf der Straße
Um uns herum flog das Blut und der Dreck und das Bier.

Ich hatte schon härtere Typen geschlagen,
weiß aber nicht mehr, wann.
Er schlug aus wie ein Esel und biss wie ein Krokodil.
Er lachte und fluchte
und zog dann eine Kanone - aber ich war schneller.
Und er stand so da und fing plötzlich an zu lächeln.

Und ungefähr das sagte er:
Mein Sohn, diese Welt ist schlecht
und wen ein Mann darin nicht umkommen möchte,
muss er stark sein
Ich wusste, dass ich eines Tages nicht da sein werde
um dich zu beschützen
So gab ich Dir diesen Namen und zog dann los
Ich wusste, dass du damit entweder kämpfen
oder draufgehen würdest
Und schließlich war es doch dieser Name,
der Dich stark machte !

Du hast gerade gekämpft wie ein Löwe !
Ich weiß dass Du mich hasst
und Du hast auch ein Recht dazu
So erschieß mich jetzt, ich nehme es Dir nicht übel!
Aber Du solltest mir danken, bevor ich krepier
für all die Tiefschläge, die Du aushalten musstest
und die Spucke in Deinen Augen
Weil ich dieser Hurensohn bin, der Dich Sue genannt hat.

Was sollte ich machen?
Es traf mich wie eine Keule und ich ließ die Knarre fallen
Ich nannte ihn Pa und er nannte mich: Sohn
Ich war wie ausgetauscht ! Sah alles ganz neu..
Und manchmal denke über ihn nach
und ich kann ihn fast verstehen
Aber wenn ich einmal einen Sohn habe, dann nenn ich ihn
Bill oder George aber verdammt nochmal nicht SUE!
Ich hasse diesen Namen !

Einverleibte Scheinheiligkeit

"Wer in Deutschland demonstriert, ist ein Krawallchaot, Vandale, Sozialträumer, Ewiggestriger und Verkehrsblockierer. Wer in Saudi-Arabien, China, dem Iran, Nordkorea, der Türkei oder Venezuela für seine Rechte eintritt, ist ein Humanist, Bürgerrechtler und Menschenrechtsaktivist. … | … Wer die Politik, die Regierung oder die Mentalität der USA oder von Israel kritisiert, ist antiamerikanisch und antisemitisch. Wer die Politik des Iran, Venezuela, China oder Nordkorea hinterfragt, ist weder antiiranisch noch antichinesisch, sondern ein aufgeklärter Demokrat. … | … Wenn die Massenmedien in China, Iran, Russland, Irak, Saudi-Arabien oder Nordkorea alle das Gleiche bzw. nur eine Ansicht veröffentlichen, ist das Propaganda. Wenn in Deutschland alle großen (Leit-)Medien gleichzeitig massenhaft von den Nachrichtenagenturen ab– und umschreiben und keine alternativen Sichtweisen zulassen, ist das keine Gleichschaltung, sondern kostenneutraler Journalismus."

30.03.2014 | von epikur

alles lesen => http://www.zeitgeistlos.de/zgblog/2014/einverleibte-scheinheiligkeit/

Die Oberflächen des Lebens

wasunsausmacht:

Ich werde nicht wie ihr - Teil IV

Und du denkst an das Eigenheim deiner Kindheit, vor dem der Rasen immer frisch gemäht war, aber wenn du selbst den Rasenmäher geschoben hast, war es nie richtig, immer hast du alles falsch gemacht. Wie Kraut und Rüben, sagte der Vater, dem man es nicht recht machen konnte. Und du denkst daran, wie du das Badezimmer geputzt hast als Kind, weil jeder einen Beitrag zu leisten hatte, damit alles immer ordentlich aussieht und glänzt. Wie gut die Oberflächen in dem Eigenheim behandelt wurden, in dem du groß geworden bist und in dem du abends wach gelegen hast und dir den Tod deiner Eltern ausgemalt hast, die noch im Büro waren. Und du erinnerst dich, dass dir das Eigenheim deiner Eltern dir wie ein Knast vorkam. Bewacht von den ungnädigen Blicken der Nachbarn, deren Rasen genauso kurz und deren Fenster ebenfalls frisch geputzt waren. Dass du sie grüßen musstest, weil deine Eltern es so wollten und weil es sich so gehörte, wie sie sagten. Mit welcher Angst du den Weg von der Schule zurückgegangen bist. Immer hast du die menschenleeren Umwege bevorzugt, aber auf den letzten Metern dann doch vorbei an den Häusern der anderen, in deren kleinen Vorgärten die grimmigen Omas standen, die darauf warteten, von dir gegrüßt zu werden. Sie haben extra ihre Gartenarbeit unterbrochen, sich auf ihrer Harke abgestützt und dich angeglotzt, wie du näher kommst. Und du warst unter ihren schonungslosen Blicken ein Bündel Angst, weil du es nicht magst, angeschaut zu werden, und schon gar nicht, den Mund aufzumachen, denn es kostet dich eine ungeheure Überwindung, fremde Menschen zu grüßen. So bist du eben. Aber du weißt genau, wenn du nicht grüßt, wird die Frau, nachdem sie ihr Beet fertig geharkt hat, zu deiner Mutter gehen und ihr sagen, was für ein ungezogenes und unfreundliches Kind du bist. Das wäre nicht das erste Mal. Und weil die Oberflächen in deinem Elternhaus immer sehr gut behandelt werden, würde deine Mutter dich dafür am Abend ausschimpfen. Und ich denke: Wir alle erzählen uns unsere Geschichten so, dass wir ruhig schlafen können. Die alte Frau erzählt die Umstände, die verhinderten, dass sie ihren scheußlichen Mann verlässt, erzählt, dass seine Familie mit faulem Obst nach ihr geworfen hat, als sie ihn schließlich doch verließ, nachdem die Kinder alle schon groß waren, wie sie ihr sagten, was für eine schäbige Person sie sei, dass sie einen Krüppel auf die Straße wirft.

"Ist es möglich daß man trotz Erfindungen und Fortschritten trotz Kultur Religion und | Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? | Ist es möglich daß man sogar diese Oberfläche die doch immerhin etwas gewesen wäre | mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat so daß sie aussieht wie die | Salonmöbel in den Sommerferien? | Ja es ist möglich"

Hervorhebungen im Originaltext durch my-life-fm

Die Illusion der Chancengleichheit

wasunsausmacht:

Ich werde nicht wie ihr - Teil III

Aber immer noch fühlen sich die Tage hektisch an, immer noch kommst du an deine Grenzen, obwohl du es angeblich so viel besser hast. Immer noch ist da die Angst, fatale Fehler zu begehen, eine Möglichkeit zu übersehen und damit alles kaputt zu machen. Und du denkst: In diesem sauberen, wohlgeordneten Leben, in dem es für alles eine Institution gibt, tragen nicht die Umstände die Schuld. Sie verhindern deine Wege nicht, sie schränken dich nicht auf schicksalhafte Weise ein. In der Geschichte, die du am Ende deines Lebens erzählst, wirst du es sein, der die volle Schuld für jede falsche Entscheidung trägt. Von klein auf wurde dir erzählt, die Welt stünde dir offen, du könntest alles werden: vom Tellerwäscher zum Millionär. Dazu gibt es zahlreiche Filme, das ist alles kein Problem. Du müsstest nur klug sein, die richtigen Entscheidungen treffen (Bildung, Karriere, Job, Mann, Bausparvertrag) und Gelegenheiten beim Schopf packen (geschenkt gibt es nichts). Von Anfang an stehst du vor deinem Leben wie vor einem Sack voller Möglichkeiten. Sie fragten schon in deine runden Kinderaugen, was du werden willst, wenn du groß bist und meinten damit: du kannst es dir aussuchen. Du musst dich nur entscheiden, sorgsam zwischen den Möglichkeiten abwägen, Fähigkeiten und Neigungen berücksichtigen, vernünftig und vorausschauend. Am besten fällst du eine Entscheidung, bei der du dich jederzeit wieder umentscheiden könntest, wenn du wolltest.

Du bist in dem Glauben aufgewachsen, dass du es besonders gut getroffen hättest, von Anfang an sprachen sie von deinen Privilegien, immer mit dem Blick auf andere, denen es schlechter ging, die sehr viel öfter eine flache Hand ins Gesicht geschmettert bekamen als du, deren Eltern noch weniger verdienten. Sie erzählten von ihrer Kindheit, der beißenden Armut, die ihnen noch heute wie ein Stachel im Fleisch sitzt. Und immer hast du ihnen geglaubt und gedacht: Ja, ich habe es wirklich sehr gut, mir stehen alle Türen offen. 

Mit der Illusion der Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit wurde über Generationen verhindert, dass Un­ter­pri­vi­le­gier­te Bildung und Vermögen erwerben konnten, dass es eine Umverteilung von Bildung und Vermögen von oben nach unten geben konnte. Im Kapitalismus zählt Herkunft nicht Leistung.

”[…] Manchmal wird mir alles zu viel. […]”

wasunsausmacht:

Ich werde nicht wie ihr - Teil II

Niemand macht ihr Vorwürfe, auch ihre Söhne nicht. Sie hat vollkommen Recht, wenn sie fragt, wie es anders hätte gehen sollen. Es war die Not, die die Kinder sich selbst überließ, die Zeit, die Armut, die Überforderung. Und heute sitzt sie in ihrem Sesseln, der in ihrer kleinen, sauberen Wohnung voller Bilder von Urenkeln steht und sagt: „Ihr habt es heute viel leichter! Und schlägt noch einmal die Hände vors Gesicht, als ihr all die kleinen, zeitraubenden, kleinen Unterschiede zwischen damals und heute einfallen. Die Kohlen hochtragen, Gemüse selbst anbauen (denn das gab es kaum zu kaufen und wenn, dann zu teuer), für den Winter in Gläsern einwecken (Nachts, nach der Arbeit), Socken stopfen, Hosen flicken (jede Hose gebraucht gekauft und dann nacheinander für jedes Kind, immer wieder ausgebessert, geht noch - gerade so), das Klo draußen auf dem Hof, am Wochenende der ganze Hof voller Wäsche (mit der Hand gewaschen, auf einem Waschbrett geschrubbt) und von den Nachbarn manchmal eine Extrawurst, wenn bei denen etwas übrig war. Ohne diese kleinen Geschenke und Wohltätigkeiten von frommen Menschen wäre es uns noch schlechter ergangen, sagt sie, wenn meine Mutter nicht ständig mitgeholfen hätte und mir hier und da was zugesteckt, dann hätte es noch viel düsterer ausgesehen.

Und heute: Wegwerfwindeln, Zentralheizung, Innenklo, Waschmaschine, Spülmaschine, die Sozialhilfe mit Alleinerziehendenzuschlag, Bildung, Verhütungsmittel, und die Freiheit, dich zu entscheiden, was du mit deinem Leben machen willst. Ob du heiratest, ein Kind bekommst, ob du dich bildest oder gleich Geld verdienst, ob du wie deine Eltern wirst oder lieber rebellierst. All diese kleinen Annehmlichkeiten bedeuten ja Zeit, die wir damals nicht hatten“, sagt sie. „Weil das Alltägliche viel schwieriger und aufwändiger war. Wenn ich noch an die ganzen Windeln denke, die wir auskochen mussten und mit den Händen immer in das heiße Wasser“ und bei dem Gedanken umschließen sich ihre Hände gegenseitig und sie führt sie zum Mund, als wollte sie den Schmerz von damals wegpusten. Und während du ihr zuhörst, fühlst du dich schuldig oder zumindest ist dir unwohl in deiner Rolle der Privilegierten, als stünde es dir nicht zu zu klagen, als dürftest du nicht auch sagen: Manchmal wird mir alles zu viel. Aber man kann Gefühle nicht gegeneinander aufwiegen.

Überforderung im Wandel der Zeit - früher: (physische) Überforderung durch die Menge an Tagwerk, heute: (psychische) Überforderung durch Schnelllebigkeit.

Hierzu einigermaßen passend: Früher “überbürdet”, heute überfordert

Liebe im Blut - Menschen sind von Natur aus romantisch veranlagt, das liegt in ihren Genen. Teile unseres Liebeslebens sind also tatsächlich schicksalhaft vorbestimmt.

"Liebe ist daher nicht nur die treibende Kraft hinter unseren Lebensleistungen, sondern auch der evolutionäre Motor unserer Hirngröße, Intelligenz und Kultur. … | … Liebe erwirkt ein enorm komplexes Sozialleben, was neue Hirnstrukturen verlangt. Liebe führt auch zu völlig neuen evolutionären Auswahlkriterien der Partnerwahl, pro-sozialem Verhalten, Fairness und Vertrauen, und damit einhergehend zu Täuschung, Ausschluss, und der Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können…. | … Liebe führt deshalb zu Liebe, und Liebesmangel in einer Familie oder in einer Gesellschaft kann, tragischerweise, auf die nächste Generation übertragen werden – über Gene ebenso wie über Erfahrung…. | … eine einzige genetische Variation des menschlichen AVP-Rezeptors [kann] die Heiratschancen halbieren und die Häufigkeit von Beziehungskrisen verdoppeln … | … Unsere Studien haben deshalb zum ersten Mal eine Verbindung der Liebesmechanismen im Menschen zum Tier und potenziell zur Sucht nahegelegt. … | … Liebe ist die Konsequenz eines genetisch kontrollierten biologischen Mechanismus im Hirn, der eine sehr einfache Funktion hat: Individuen aneinander zu binden. Die Konsequenzen davon betreffen alle Aspekte unseres persönlichen Lebens, genauso wie die Evolution von Arten und der Intelligenz."

25.04.2014 | von Andreas Bartels

alles lesen => http://www.theeuropean.de/andreas-bartels/8204-liebe-entspringt-unseren-genen

’[…] die Ameisen sind auch wichtig und müssen ganz genau angeguckt werden. Das ist noch wichtiger als Pünktlich-Sein […]’

wasunsausmacht:

Ich werde nicht wie ihr - Teil I

Manchmal, wenn du es ganz eilig hast, bleibt sie trotzdem stehen (für sie gibt es noch keine Uhr, keine Zeit, alles muss immer sofort) und schaut sich etwas, das ihr auf dem Weg begegnete, ganz genau an. Hockt sich zu den Ameisen, die ihr gestern schon gesehen habt, aber heute sind noch keine da, nur noch die Löcher, in denen sie gestern verschwanden und sie fragt: „Wo sind die Ameisen?“ „Schlafen noch“, sagst du ungeduldig. Aber sie ist noch nicht fertig, will die Ameisen wecken (klopft) und du schaust auf die Kirchturmuhr, an der ihr noch vorbei müsst und rechnest, wie lange ihr noch trödeln dürft (am besten gar nicht, morgen also noch früher). Und schließlich treibst du sie doch an, (obwohl die Ameisen noch nicht aufgestanden sind) „wir müssen los, uns beeilen, die anderen Kinder warten, fragen schon nach dir“. Und du denkst an deine Mutter und wie sie dich scheuchte und mit den Augen rollte, wenn du stehen geblieben bist und dass du so nie werden wolltest, so ungeduldig und gehetzt. Denn die Ameisen sind auch wichtig und müssen ganz genau angeguckt werden. Das ist noch wichtiger als Pünktlich-Sein. Denn du erinnerst dich genau daran, am Arm weitergezerrt zu werden. Und gleichzeitig denkst du: Jeder will es besser machen, als seine Eltern. Auch deine Mutter scheute in manchen Momenten vor sich selbst zurück, wenn sie ihre Mutter in sich aufflammen sah.

Und du denkst an die alte Frau mit den drei Söhnen, die selbst schon Söhne und Enkel haben. Wie sie dasitzt in ihrem verwitterten Körper, der wie ein unbequemer Mantel über ihrem Schultern hängt. Während sie von früher redet, reibt sie sich die Gelenke jedes einzelnen Fingers, hat Schmerzen (Arthrose) die durch das Reiben nicht weniger werden. Sie wendet den Blick nicht gern zurück, aber sie wird auch nicht oft gefragt nach damals und wie das alles war. Und vielleicht denkt sie: wenn es ich nicht erzähle, wer dann? Immer wieder kneift sie ihre Augen zusammen, als würden die Bilder zu ihren Geschichten in ihrem Kopf ablaufen. „Damals, das waren ganz andere Zeiten“, sagt sie, „das kann man mit heute gar nicht mehr vergleichen“. Und du denkst an die Schwarz-weiß-Fotografien und dass dir wegen ihnen die Vergangenheit immer schwarz-weiß vorgekommen ist, wie man sich heute die antiken Statuen weiß vorstellt, obwohl die Zeit nur die Farbe aus dem Stein gewaschen hat. Wie trügerisch doch die Bilder sind, denkst du, wie falsch die Entfernungen.

Auch sie spricht über ihr Leben wie über eine fremde Person, einen Historienfilm, den sie gesehen hat. Das Elend war allgegenwärtig. „Weil der Hunger die Menschen schlecht und krank macht“, sagt sie. Vom Tod ihrer Schwester, die mit 7 Jahren an Blutkrebs zugrunde ging. Wie sie sich schuldig fühlte, weil sie sich so stark gestritten hatten, als sie noch gesund war. Mit Holzstühlen hätten sie aufeinander eingeschlagen. Sie sagt es, als hätte sie keinen Zweifel daran, dass es das war, wofür sie später vom Leben bestraft wurde.

Auch von ihren eigenen Kindern spricht sie wie von einem Unglück, das plötzlich über sie hereinbrach. Sie sagt: „Ich hatte gar keine Ahnung. Es war nicht wie heute, wo man in jüngsten Jahren schon alles aufschnappt. Ich wusste tatsächlich gar nichts. Nicht mal meine Brüder hatte ich nackt gesehen. Meinen Vater schon gar nicht. Es war, als gäbe es so etwas nicht. Und Verhütungsmittel gab es tatsächlich nicht. Die Frauen haben ein Kind nach dem nächsten gekriegt, weil der Mann sich abends auf sie draufrollte, wenn er aus der Kneipe kam. Man konnte sich auch nicht, wie heute, aussuchen, wen man heiratet. Der, von dem man schwanger geworden ist, wurde der Ehemann. Und das meist schon sehr früh. Mit achtzehn etwa, wo man von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Ich habe damals auch gar nicht gewusst, dass man davon schwanger wird. Das hat einem keiner erzählt. Damals war ich vollkommen naiv und er war der erste, der mir schöne Augen gemacht hat. Als junges Mädchen war ich dafür genauso empfänglich wie alle anderen auch. Besonders verliebt war ich trotzdem nicht. Es war eher Neugier und eine gehörige Portion Dummheit. Ich hätte diesen Mann damals auch nicht geheiratet, wenn meine Mutter gesagt hätte, dass wir das mit dem Kind auch ohne ihn schaffen. Dass er ein Säufer und Taugenichts war, habe ich schnell erkannt. In seiner ganzen Familie waren nur Versoffene und Verbrecher, die Frauen alle Schafsköpfe. Meine Eltern hatten ja zumindest einen großen Hof, uns ging es nicht schlecht. Aber meine Mutter hat gesagt, dass ich ihn heiraten muss. Also haben wir geheiratet. Und nach dem ersten kam gleich das zweite Kind und nach dem zweiten das dritte. Und ich wusste gar nicht, wo mir der Kopf stand. Der Kerl hat das bisschen Geld, was wir hatten, versoffen und ich hatte keine Zeit nachzudenken, nur immer zu tun, dass alle Rechnungen bezahlt wurden und immer etwas zu Essen auf dem Tisch steht. Das war schon schwer genug. Dieser Mann war das anstrengendste Kind von allen. Hat immer Ärger gemacht und dazu sein Gejammer, wenn er angetrunken war und das Gebrüll, wenn er spät nach Hause kam. Ich hatte eine richtige Abscheu vor ihm, aber ich wusste nicht, wie ich da wieder rauskommen sollte. In meiner Naivität hab ich die Flaschen versteckt und ihn immer wieder angebettelt, dass er nicht saufen gehen soll, aber das steckte so drin in dieser Familie, die waren alle so. Nur Mist im Kopf. Haben geklaut und betrogen. Dafür waren sie in der ganzen Gegend bekannt. Meine Mutter war sehr enttäuscht, dass ich mich ausgerechnet von einem von denen hab anbumsen lassen, wie sie sagte.

Und dann ist dieser Mann, der zu nichts anderem zu gebrauchen war, als Flaschen zu leeren, eines Tages in ein Bullengehege gesprungen. Nach einem Saufgelage wollte er seine Saufkumpanen beeindrucken und ihnen zeigen, was er für ein Kerl ist. Sie sind zu einem Bullengehege getorkelt, er ist über den Zaun und  hat versucht, sich auf den Bullen draufzusetzen, wie er es in einem Film gesehen hatte. Und nachdem der Bulle mit ihm fertig war, war er gelähmt. Vom Brustkorb abwärts. Und ich wusste nicht, ob ich dankbar sein soll, weil er mir von da an nicht noch mehr Kinder machen konnte, oder ob ich mir einen Strick nehmen soll. Vom Staat gab es damals keine Hilfe. Die Kranken und pflegebedürftigen wurden einfach den Familien überlassen. Also hatte ich von da an nicht nur 4 Kinder zu versorgen, sondern auch noch einen garstigen, alkohol- und morphiumsüchtigen Krüppel, der den ganzen Tag Befehle gebrüllt hat. Da hatte ich keine Zeit, mir groß Gedanken zu machen und auf jedes einzelne Kind mit seinen Sorgen einzugehen. Über Jahre hab ich immer nur versucht, über die Runden zu kommen und aufzupassen, dass die Kinder nicht unter die Räder geraten. Zu mehr war gar keine Zeit. Nur Schadensbegrenzung. Einmal im Jahr ein billiger Urlaub zur Ostsee. Eine Woche. Den Rest des Jahres von Morgens bis Abends im Betrieb gesessen und darauf gehofft, dass die Kinder sich irgendwie selbst durchs Leben schlagen. Alles, was wir brauchten, musste ich selbst erwirtschaften und jeden Pfennig dreimal umdrehen. Ging gar nicht anders. Wenn ich heut zurückdenke, frage ich mich, wie ich das alles geschafft habe. Aber ich musste ja. Wie hätte es anders gehen sollen? Natürlich sind die Kinder dabei auf der Strecke geblieben. Ich habe mein Bestes unter diesen Umständen getan, aber zu mehr als zum Mindesten hat es eben nicht gereicht. Und so sind sie mir auch alle mehr oder weniger entglitten. Alle Jungs haben schließlich doch etwas von ihrem Vater abbekommen, obwohl sie ihn auch verabscheut haben mit seinem ganzen Gebrüll und seinen Beleidigungen. Nicht nur für mich hatte er kein gutes Wort übrig, auch den Kindern hat er regelmäßig erzählt, dass sie Versager sind und nie was werden. Und sie alle haben sich, da bin ich sicher, insgeheim vorgenommen, nie so zu werden wie er. Sie alle wollten ihm zeigen, dass aus ihnen etwas wird. Und sie haben es auch alle mehr oder weniger geschafft. Mehr als er haben sie alle erreicht, aber das war auch kein Kunststück. Und Blut ist eben doch dicker als Wasser. Die Neigung zur Kriminalität und das Saufen haben auch in ihnen Spuren hinterlassen. Das ist der Fluch der Familie. Und alles, weil ein junges Mädchen empfänglich für die Schmeicheleien eines Windhunds war.

Aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Und ich weiß auch nicht, was ich anders hätte machen sollen. Vielleicht den Suffkopp früher rausschmeißen. Aber wir waren nun mal verheiratet und er war ein kranker Mensch. Das würde mir auch heute noch nicht leichtfallen. Ich bin auch so erzogen worden, dass man die Suppe, die man sich selbst einrührt, auch auslöffeln muss. Wo ich helfen konnte, da habe ich das eigentlich immer gemacht. Auch heute noch. Ich hab nicht viel, aber was ich hab, das teile ich auch gern mit denjenigen, die noch weniger haben.“

Von Faro bis Barcelona und | Von Münster bis nach Verona | Sind die Straßen gebaut | Aus Liebe, Dreck und Gewalt. | Zwischen hier und da und wo auch immer | Hat ein Problem im siebten Stock ein Zimmer, | Und am nächsten Morgen | Trifft viel Gefühl auf viel Asphalt.

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